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In der „Königsberger Allgemeinen Zeitung“ vom 2. Januar 1936 lesen wir zum Thema Radfahrwege folgende interessante Meldung: «Für die Radfahrer ist von besonderem Interesse, dass der Bau des Radfahrweges Königsberg – Cranz auch 1936 fortgesetzt wird. Ob es gelingt, ihn schon zu vollenden, kann noch nicht gesagt werden. Der schon bestehende Radfahrweg Moditten – Vierbrüderkrug, der jetzt erst am Moditter Wald beginnt, soll 1936 von da ab bis nach Königsberg verlängert werden. Allgemein sei gesagt, daß im kommenden Jahr auch dem Radfahrwegebau im übrigen Ostpreußen besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden wird». Als ich an einer der Konferenzen in Kaliningrad teilnahm und zu Problemen des Radwanderns sprach, hat man mich gefragt, wo man eine Routenkarte für einen Radwanderer kaufen könne. Da gab ich zur Antwort: in Deutschland! Und das war wirklich kein Witz von mir. Während meiner Wanderungen traf ich öfter mal Radwanderer aus Deutschland, die auf der Durchreise im Kaliningrader Gebiet unterwegs waren. Die Anzahl solcher Touristen ist schwer zu schätzen; es können ungefähr 300 sein, vielleicht sind es auch 1000. Sie kommen als Einzelwanderer, als Ehepaar oder auch in kleinen Gruppen. Ihre Route erstreckt sich vom kleinen Grenzstädtchen Mamonowo (Heiligenbeil) durch Kaliningrad (Königsberg), Svetlogorsk (Rauschen), Selenogradsk (Cranz) und schließlich über die Kurische Nehrung weiter nach Klaipeda (Memel). Gewöhnlich nehmen sie dann Kurs nach Norden, folgen der Ostseeküste oder sie kehren zurück nach Hause per Flugzeug oder Schiff. Als ich mit einigen der Fahrradreisenden sprach, bat ich sie, mir die Verkehrskarte zu zeigen. Ich musste leider feststellen, dass so exakt gezeichnete Karten für Radfahrer im Kaliningrader Gebiet nicht zu bekommen sind. Dennoch gibt es auch Situationen, wo selbst die besten Karten nicht die ausreichende Information zur Orientierung geben können, um immer auf Anhieb die richtige Richtung zu finden. Ich musste mehrmals den Radwanderern aus Deutschland helfen und ihnen den besseren Weg zeigen. In der ersten Oktoberhälfte fuhr ich nach Svetlogorsk, um den neu angelegten und breit reklamierten Radweg zu sehen. Er führte vom Hotel „Rus“ bis zum oberen Treppenabsatz zur Promenade. Dort habe ich zufällig Radwanderer aus Hamburg kennen gelernt. Ein Ehepaar in Alter von 45 Jahren war auf der Durchreise in unserem Gebiet. Es ist denkbar, dass es die letzten Radwanderer aus Deutschland im Jahre 2010 waren. Die Saison näherte sich dem Ende. Wir kamen ins Gespräch und ich schlug vor, ihnen den kürzesten Weg aus Svetlogorsk zur Siedlung Saostrovje durch Pionersk (Neukuren) zu zeigen. Nach 7 Kilometern waren wir am Ziel. Sie waren sehr froh und dankbar und schenkten mir ein Abzeichen, das für mich nun zum Symbol für die Solidarität der Radwanderer geworden ist. Wären wir einander nicht begegnet, hätten die Gäste aus Deutschland einen doppelt langen Umweg gemacht und außerdem auf einer für Radfahrer gefährlichen Autostraße mit sehr starkem Verkehr fahren müssen. Schon dieses Beispiel zeigt, dass die lokalen Bedingungen für Radwanderer nicht immer günstig sind. Das Deutsch-Russische Haus in Kaliningrad veranstaltete für alle Interessenten ein Treffen, bei dem man die Perspektiven zur Entwicklung des Radwanderns erörterte. Es ging darum, dass unsere Region für alle Radfahrer bequem und gefahrlos werden soll. Am Gespräch nahmen Radwanderer verschiedener Kategorien, die Vertreter der Stadtbehörden sowie die der Tourismusbranche teil. Die Gespräche fanden im Maj und Oktober dieses Jahres statt. Man hat einen Brief mit konkreten Vorschlägen an den Gebietsgouverneur Nikolaj Zukanow verfasst und gesandt. Wir hoffen, dass diese Vorschläge zur Entwicklung des Radwanderns in der Region von unserer Regionalverwaltung akzeptiert werden. Natürlich wird sich das Massenradwandern nicht dynamisch genug entwickeln, bevor viele Fragen und Probleme auf regionaler Ebene nicht gelöst werden. Immerhin ist die Öffentlichkeit bei dieser Angelegenheit nicht passiv. Zurzeit geht es darum, mit Unterstützung des Deutsch-Russischen Hauses in Kaliningrad einen Deutsch-Russischen Radfahrerclub zu gründen. Die Ziele eines solchen Clubs wären beispielsweise die Popularisierung des Radwanderns auf der Grundlage der deutschen Traditionen und Erfahrungen sowie die Frage der Hilfeleistung – vor allem für die deutschen Radwanderer, die ins Kaliningrader Gebiet gekommen. Dieses Anliegen ist sehr aktuell, auch angesichts der Besonderheiten unseres Straßenverkehrs. Unter anderem wäre ein Radwanderführer besonders wichtig, denn durch Kaliningrads Straßen mit dem Fahrrad zu fahren ist sogar für die hiesigen Radfahrer ein eitles Extreme! Ein weiterer Punkt, der für das Radwandern relevant ist und der eine Lösung durch Regierung und Öffentlichkeit benötigt, ist die Erarbeitung von Radwanderrouten. Nach vorhandenen Informationen soll das regionale Informations- und Touristenzentrum mit Hilfe des Kaliningrader Radtourclubs „Koenig.Bicycle“ eine Radroutenkarte zur Publikation vorbereiten. Für Radwanderer ist es ein lang ersehntes Ereignis, dessen Produkt die Öffentlichkeit im Februar 2011 zu Gesicht bekommen soll. Es wäre für die Kaliningrader Radwanderer ohne Zweifel von Vorteil. Das könnte auch das Interesse bei den Radwanderern aus Moskau, St.-Petersburg und aus anderen Regionen Russlands und des näheren Auslands für Reisen ins Kaliningrader Gebiet erwecken. Eine Landschaft wie die unsere gibt es nirgendwo sonst in Russland – das Meer, die Flüsse, die Seen, die Kanäle... Dazu kommen noch viele Sehenswürdigkeiten, die historisch vom ehemaligen Ostpreußen geprägt sind. Die Entwicklung des Massenradwanderns im Kaliningrader Gebiet kann, auch wenn indirekt, zu der edlen Aufgabe beitragen, das kulturelle und geschichtliche Erbe zu schützen. Zurzeit sind die Busreisen die beliebteste Tourismusform in unserem Gebiet. Die Vielfalt geeigneter Routen ist begrenzt. Die kulturellen und historischen Denkmäler, die von den Touristen unbemerkt bleiben, genießen in der Regel eine minimale Fürsorge. Aus diesem Grund werden sie zerstört – von der Zeit, von der Natur und durch menschliche Tätigkeiten. Die Radwanderer haben die Möglichkeit, als Ziel ein beliebiges interessantes Objekt im Gebiet zu wählen und dahin zu gelangen! Insgesamt ist das Straßennetz des Kaliningrader Gebietes für die Entwicklung des Massenradwanderns sehr günstig. Natürlich gibt es auch Beispiele, die schockieren und die sich als Grund für ernste Verletzungen erweisen können. So ist auf der internationalen Transit-Fahrrad-Straße, an der Pionjerskij liegt, die Niederschlagskanalisation so eingerichtet, dass es nicht nur zum Schaden für das Fahrrad kommen kann, wenn man dahin gerät… Diese negativen Beispiele haben aber einen lokalen Charakter; die örtlichen Selbstverwaltungen kontrollieren sie und versuchen sie möglichst schnell zu beseitigen. So wird das Kaliningrader Gebiet in absehbarer Zukunft für alle Radwanderer bequemer sein – sowohl für die hiesigen, als auch für diejenigen, die von außerhalb zu uns kommen! Herzlich willkommen! Jurij ANDRNOW
Zu Person: Jurij Andronow wohnt in Kaliningrad. Der 56jährige Ingenieur gehört seit zwei Jahren zu den Radwanderern. In dieser Saison hat er schon 5500 Kilometer mit dem Fahrrad zurückgelegt. Als Koordinator des öffentlichen Radclubs „Navigator39“ trägt er auch dazu bei, das Radwandern populär zu machen. Soviel von uns über den Autor des nachstehenden Artikels.
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