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EIN MUSEUM MITTEN IM METALLSCHROTT Drucken E-Mail

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Jede Stadt ist bestrebt, ihr Kulturerbe zu bewahren. Das Kaliningrader Gebiet erhielt nach dem II. Weltkrieg ein unglaubliches Erbe an Zeugnissen ?ber die Lebensweise der Menschen, die dieses Land  w?hrend ihrer jahrhundertelangen deutschen Epoche bev?lkerten. Heute ist jeder Gegenstand aus der Vorkriegszeit ein ganz besonderes Erinnerungsst?ck aus dieser Epoche.

Vieles ist heute unwiderruflich verloren gegangen. Umso wertvoller ist die M?he der Heimatfreunde und Enthusiasten, die  Alltagsgegenst?nde, Dokumente und B?cher aus dieser Zeit sammeln. Ohne ihren Einsatz w?rden viele Zeugnisse deutscher  Kultur f?r immer verschwinden. Vielleicht wird noch die Zeit kommen, in der auch einfache Menschen aus der jetzigen Bev?lkerung Anerkennung finden, die mit Verst?ndnis und  Wertsch?tzung im Verborgenen und ohne staatliche Unterst?tzung  uneigenn?tzig eigene Museums- kollektionen aufbauen. Sicherlich sind diese Kollektionen, gemessen an den Regeln und gesetzlichen Bestimmungen der Museumswissenschaft, nicht vollkommen, stellen des ?fteren eine Anreihung zuf?llig gefundener Gegenst?nde dar. Vielleicht k?nnen die Besitzer auch nicht immer die kulturelle und historische Bedeutung eines Gegenstandes richtig einsch?tzen. Doch sie sind es, die diese Gegenst?nde f?r uns und unsere Kinder und Enkelkinder bewahren. Dadurch haben wir die M?glichkeit, sie zu betrachten,  sie zu lesen und als pers?nlichen Gewinn etwas zu verstehen und zu verinnerlichen, was uns zu Nachfolgern dessen macht, wodurch sich unsere Heimatregion auszeichnet. Ohne dieses Gef?hl kann man nicht heimisch sein, das sind die Wurzeln, die einem Menschen den Halt geben.

Manchmal kann man interessante Ausstellungen dort antreffen, wo man sie am wenigsten vermutet, zum Beispiel innerhalb des  Industriegebietes im Norden der Stadt Kaliningrad (ehemaliges Viertel Rotenstein-Kummerau). Beton- und Gitterz?une unterschiedlicher Fabriken bestimmen das Gesicht des Viertels. Kilometerlang ziehen sie sich eint?nig hin. Man kann sich die ?berraschung eines Kunden vorstellen, der zum ersten Mal das Territorium eines Metallverarbeitungsunternehmens betritt, denn die grauen Mauerwerke der Hangars und Lagerhallen und die Ziegelw?nde des Office werden von mehreren Dutzend alter K?nigsberger Werbeschilder geschm?ckt.
Geworben wird f?r Autoreifen und Seife, Waschpulver und Motor?l, schnellkochende Nudeln und… Oh ja! Ein riesiges gelbes Schild mit der Aufschrift „K?nigsberger Allgemeine Zeitung“! Der Krieg und die Zeit haben Spuren an den Schildern hinterlassen. Doch die Farben der Schilder sind nach wie vor anziehend und auffallend.
Auf der Glast?r zum Gesch?ftsgeb?ude keine ?ffnungszeiten, sondern die Aufschrift „Museum“, v?llig unerwartet in diesem Reich des Metalles. Seitlich von der T?r Skulpturen aus Stein, welche wie W?chter den Eingang zu bewachen scheinen. Ein bisschen Humor f?gt das alte Schild mit seiner gotischer Schrift hinzu, auf dem schwarz auf wei? zu lesen ist: „Ostpreu?ischer Metallhandel“. 
Hinter der T?r lange Flure, in denen von oben bis unten unz?hlige Zeugnisse des deutschen Alltags aus der Vorkriegszeit h?ngen: Werbung, Stra?enschilder, Stra?enbahnrouten, kleine Schilder von unterschiedlichen technischen Ger?ten. In der Wand ist ein alter deutscher Heizkessel eingemauert, im Boden  ein  Kanalisationsdeckel. Und – wir glaubten unseren Augen nicht zu trauen – die verloren geglaubten M?lltonnen aus K?nigsberg und Pillau – nun restauriert und in einem einwandfreien Zustand.
?ber einen Treppenaufgang kommen wir in das zweite Stockwerk, in dem die Firmenleitung sitzt. Wir betreten ein Zimmer, das aber viel mehr einem Ausstellungsraum im Museum ?hnelt als einem Gesch?ftszimmer. Kleine Figuren in den Glasvitrinen, B?cher und Stapel mit Dokumenten auf den Regalen, Schreibmaschinen in Nischen, B?geleisen, Waagen und so weiter und so fort. Alles im einwandfreien Zustand, sodass klar wird, dass diese Gegenst?nde alle durch die sorgsamen H?nde der Restauratoren gegangen sind.
 Auf den W?nden Originalkarten von K?nigsberg und Ostpreu?en, die im ?brigen den Grundstein zu der Kollektion legten. Ein Designertischchen zieht die Aufmerksamkeit auf sich: das Prachtst?ck ist eine alte, vergoldete Schreibmaschine, die Tischplatte ist mit keramischen Verschl?ssen alter Bierflaschen verziert.
Den Eindruck von dieser Menge an einzigartigen Artefakten, den wir bekamen, wurde durch die Demonstration des letzten Kaufs von Wjatscheslav Melanjev, einem der Eigent?mer der Kollektion, verst?rkt. Ein Zeugnis, ausgestellt f?r Franz Kr?ger,  der im Jahr 1927 erfolgreich einen Kurs f?r das Zuschneiden abgelegt hatte. Das Zeugnis wurde neben einer Reihe anderer Dokumente bei einer Hausrestauration in Tschernjachovsk (Insterburg) gefunden. Wie ist das Leben dieses Mannes verlaufen? Leben seine Verwandten noch?
„Neunzig Prozent aller Funde wurden in den letzten sieben Jahren hier, im Kaliningrader Gebiet gemacht“, berichtet Wjatscheslav Melanjev. Wir (dazu kommt noch Dmitrij Rogozin, ein Freund und Kollege) werden oft gefragt, wozu wir das ganze machen. F?r mich ist die Antwort offensichtlich: es ist ein Hobby. Es ist eine M?glichkeit, sich zu erholen mit einem Nutzen f?r die Seele und den Geist. Unsere Arbeit ist sehr intensiv und fordert uns heraus, deshalb ist es gut,  die Gedanken zu wechseln und auf etwas anderes umzuschalten. Au?erdem ist es angenehmer, in einer solchen Umgebung zu arbeiten, als von langweiligen Regalen voller Ordner umgeben zu sein.
Dennoch ist unsere Sammlung  kein Schmuck f?r unsere Einrichtung, sondern ein kulturelles Erbe, das wir in unserem Betreben erhalten wollen. Wenn jemand f?r einen historischen Fundgegenstand einen Platz ben?tigt, werde ich nicht z?gern, das neue Exponat hier aufzunehmen, auch wenn er die Einrichtung entstellen sollte.“
 Wir sprachen lange dar?ber, was die Menschen, deren Beruf nicht mit Kultur- oder Museumst?tigkeit verbunden ist, dazu bewegt, aktive Sammler zu werden.
„Wenn du einen alten Gegenstand besitzt, dann bereitet dir allein schon das ein angenehmes Gef?hl.“ Wjatscheslav?s Stimme ist emotional, man merkt, dass es tats?chlich seine innere ?berzeugung ist. - „Und wenn du die Sache genau identifizieren kannst, also sagen kannst, wer ihr fr?herer Eigent?mer war, welche Geschichten damit verbunden sind, dann bewegt es dich noch mehr. Und wenn du ein solches Interesse versp?rst, beginnst du pl?tzlich, emsig Fachliteratur zu suchen und zu erwerben.“
Und dann erfahren wir die Geschichte dieses Museums vom  ersten Tag an. Ganz einfach und  undramatisch erz?hlt nun Wjatscheslav: „Das verlief bei Dmitrij und mir ganz nat?rlich. Es gab keine Versammlung, auf der wir entschieden haben: lass uns Sachen sammeln und ein Museum gr?nden!.  Wir stellten einmal eine Figur auf, danach eine zweite, danach kam ein Buch hinzu... Dann wurde uns klar, dass es nicht bei diesen Gegenst?nden bleibt und wir eine entsprechende Umgebung f?r unsere Sch?tze schaffen m?ssen. So kamen wir zu all diesen Vitrinen und Regalen.
Aber nat?rlich ist uns bewusst, dass das hier kein echtes Museum ist, sondern nur die Verk?rperung unseres Steckenpferdes.“ 
Wjatscheslav Melanjev berichtete, voller Stolz, dass jedes Ausstellungsst?ck in seiner Kollektion ein eigenes Schicksal und eine Geschichte hat. Einiges wurde hier zusammen mit Metallabf?llen abgegeben. Anderes fanden Wjatscheslav und Dmitrij selbst, da sie viel durch das Gebiet reisen.
Man konnte uns auch nicht das interessanteste Ausstellungsst?ck nennen. Alles, was hier ist, ist den Besitzern aus unterschiedlichsten Gr?nden lieb und teuer. Und mit manchen St?cken sind interessante Geschichten verbunden.
„An unserer Terrasse h?ngt ein gro?es Werbeschild f?r ein Sp?lmittel namens Sunlicht“, erz?hlt Wjatscheslav. „Allein schon die Etymologie des Wortes ist interessant. Auf Deutsch hei?t es ja Sonnen, Sun ist englisch.“ Wie kam es dazu?
„Wir zeigten das Schild unseren deutschen G?sten, sie konnten auch keine Antwort geben. Aber bei ihrem n?chsten Besuch brachten sie eine alte Verpackung von Seifen derselben Firma mit. Auch sie ist Teil unserer Kollektion geworden. Wir h?tten sie niemals bekommen, wenn wir das Schild nicht h?tten!
?brigens kamen viele Gegenst?nde nur dank unserer Besucher in die Kollektion. Nach dem ersten Besuch unseres Museums kommen viele Besucher wieder und bringen einen alten Gegenstand mit. Auch wenn diese Gegenst?nde keinen hohen materiellen Wert besitzen, sind sie  doch von der Geschichte gepr?gt und tragen ihre Spuren.“
Auch wenn das nur ein Hobby ist, planen Wjatscheslav und Dmitrij die Erweiterung ihres Museums. Viele Gegenst?nde haben sich angesammelt, die man gerne zeigen w?rde, damit auch andere Teil haben k?nnen an der Geschichte. Was genau wird ausgestellt? Das ist heute noch ein Geheimnis. Doch das macht es nur noch interessanter. Wir bekamen schon vorab eine Einladung und werden, wenn es so weit ist, unseren Lesern alles erz?hlen und zeigen. Wir glauben, dass es sehr interessant sein wird.

Igor KOWAJOW

Foto: Jurij GORBUSCHIN

 

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