Startseite Geschichte AUF SPURENSUCHE MIT DER “KA”
Russian (CIS)
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Meine Reise nach Kaliningrad / K?nigsberg habe ich in diesem Jahr ganz bewusst auf den Sp?tsommer gelegt. F?r ausgedehnte Spazierg?nge ist diese Jahreszeit angenehmer. Wie oft hatte ich mir schon einen Besuch der Vororte vorgenommen, wo noch das alte K?nigsberg zu finden ist. Aber auch Busfahrten nach Tapiau und Friedland blieben bisher unerf?llt, obwohl die Preise f?r eine Fahrt umgerechnet unter 2 Euro liegen. Ein Arbeitsbesuch in der Redaktion der „K?nigsberger Allgemeinen“ muss nat?rlich nicht besonders erw?hnt werden.
Bei den Reisevorbereitungen hat sich immer noch nichts ge?ndert. Nach wie vor besteht Visa- und Meldepflicht innerhalb von drei Werktagen nach Einreise in das Kaliningrader Gebiet. Eine merkliche Verbesserung ist aber schon eingetreten, indem jetzt auch die Post?mter die Anmeldeformulare bearbeiten. Vor wenigen Jahren musste man noch  zur Polizeibeh?rde, einen A-4-Fragebogen ausf?llen und eine Kopie des Reisepasses abgeben. Waren die Beamten gut gelaunt, bekam man sofort Unterschrift und Stempel auf dem Teil des Dokuments, der bei der Ausreise der Grenzkontrolle vorgelegt werden muss. Ich erlebte aber auch, dass ich vor einigen Jahren einmal wegen der „Bearbeitung“ des Dokuments dieses erst am folgenden Tag zur?ck bekam. Inzwischen sind aber auch bei den Beh?rden die versteinerten Gesichter verschwunden und Freundlichkeit ist in die B?ros eingezogen. Das erlebte ich Ende M?rz 2008 auf der Meldestelle in Rauschen 1. W?hrend die Beamten meinen Reisepass ?berpr?ften und meinen Fragebogen durchlasen, verdunkelte sich pl?tzlich der Himmel und ein Schneetreiben verwandelte die Landschaft vor dem Fenster  in ein winterliches Panorama, obwohl vor wenigen Minuten noch die Sonne schien. Das war so beeindruckend, dass ich ganz spontan auf russisch frage: „Was ist das? Bin ich hier in Sibirien?“ Daraufhin antwortete der Polizeibeamte in gutem Deutsch: „Nein, in Ostpreu?en.“ Dann stempelte er das Dokument mit leichtem Knall, reichte es r?ber und sagte freundlich: „Bitte“. Es war nur ein kurzer Augenblick, aber dieses Erlebnis drang bis in mein Herz hinein.
Und wieder bin ich im Zug nach K?nigsberg, ganz in Erwartung neuer Eindr?cke und Erlebnisse. Aber jedes Mal kommt auch Wehmut auf. Sie wird st?rker, je mehr sich der Zug meiner Heimatstadt n?hert. Dann pl?tzlich sind wieder alle Geschichten lebendig, die mir nur  meine Gro?eltern so wundersch?n erz?hlen konnten. Was w?rden sie wohl sagen, wenn sie heute mit einer „R?ckfahrkarte“ nach Ostpreu?en in diesem Zug s??en. Ganz bestimmt w?rde meine Oma den Opa auffordern, sie zu kneifen, damit sie die Best?tigung hat, dass ein Traum Wahrheit geworden ist. Wie schmerzhaft muss wohl f?r sie der Abschied von dieser Welt gewesen sein, ohne die Hoffnung gehabt zu haben, ihre geliebte Heimat noch einmal wieder zu sehen. Die Einfahrt in die gro?e Bahnhofshalle des ehemaligen Hauptbahnhofes holte mich in die Gegenwart zur?ck. Ich war am Ziel meiner Reise, angekommen im heutigen Kaliningrad. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich noch nicht ahnen, dass ich diesmal die Wege meiner Kindheit gehen werde, dort, wo ich als Vierj?hriger in Wargienen (Великолукское) die letzten Stunden vor der Evakuierung im Sandkasten spielte. Das hatte sich n?mlich die Redaktion der „K?nigsberger Allgemeinen“ als ?berraschung f?r mich ausgedacht.
Genau genommen war es eigentlich ein Deal, den ich ohne Bedenken, wie ich glaubte,  eingehen konnte. Die  Grundlage f?r diesen Deal war ein Foto aus den letzten Augusttagen des Jahres 1944, aufgenommen in Wargienen, 7 km westlich von Tapiau. Da mir von der Redaktion als Geschenk ein Ausflug zu irgend einem Ort meiner Wahl im Kaliningrader Gebiet in Aussicht gestellt wurde, war f?r mich sofort klar, dass dieser Ort Wargienen ist. Nat?rlich ist ein Besuch dieses v?llig unbedeutenden Ortes, der nicht einmal eine Kirchenruine aufzuweisen hat, keine Besonderheit. Aber genau die Stelle in Wargienen zu finden, wo ich damals im August 1944 fotografiert wurde, das ist schon eine au?ergew?hnliche Leistung, die eine gute Sp?rnase erfordert. Ich selbst hatte diesen Ort bereits zweimal besucht, aber beide Male waren meine Bem?hungen ergebnislos geblieben. So fand ich mich damit ab, dass dieses Haus auf dem Foto im Hintergrund durch die Kriegsereignisse sicherlich zerst?rt worden ist und damit auch der einzige Anhaltspunkt zur Bestimmung des Ortes der Fotoaufnahme verloren ging. Es gab auch Einwohner in diesem Ort, die mir genau zeigen konnten, wo fr?her H?user gestanden haben. Das war dann f?r meine Entscheidung ausschlaggebend, um endg?ltig die Suche aufzugeben. Aber genau dieser au?erordentliche Schwierigkeitsgrad war es, in dem die russischen Redakteure eine echte Herausforderung sahen. Im Gegenzug verpflichtete ich mich, dar?ber zu schreiben, wenn es eine echte Story werden sollte. Doch das sollen die Leser beurteilen. Ich stehe jedenfalls in der Pflicht der Redaktion, denn den Redakteuren ist es wirklich gelungen, die Stelle zu finden, wo das Foto im August 1944 gemacht wurde.
Als russisch sprechende Ostpreu?en waren sie nat?rlich mir gegen?ber weit im Vorteil. Schon nach einigen Gespr?chen mit alten Dorfbewohnern konnte man davon ausgehen, dass kein Wohnhaus in diesem Ort Grundmauern mit Feldsteinen aufweist, wie sie aber auf dem Foto zu erkennen sind. Auffallend war aber das alte Schulgeb?ude als Klinkerbau, denn auf dem Foto hatte das Haus auch keine verputzten W?nde. Da das Schulgeb?ude seit Jahren schon als Wohnhaus genutzt wird, sprachen wir mit den Bewohnern und zeigten ihnen das Foto von 1944. Und das war der Durchbruch. Bereits sichtlich erfreut dar?ber, dass sie einem ehemaligen Ostpreu?en wahrscheinlich eine gro?e Freude bereiten k?nnen, f?hrten sie uns hinter das Haus, wo damals der Schulhof war. Nun brauchten wir nur noch das Foto mit der Hausfront vergleichen. Alles stimmte ?berein: die Anzahl und Form der Feldsteine in der Grundmauer, der Verlauf der Fugen und die Anordnung des Kellerfensters. Jetzt bestand kein Zweifel mehr, hier auf dem Schulhof fand in den Sommerferien 1944 ein Kindergeburtstag statt.
Mein Ehrentag kann es nicht gewesen sein; der ist im Oktober. Den wirklichen Anlass zu diesem Foto werde ich wohl nie erfahren. Das Foto war mir bis vor wenigen Jahren unbekannt, erst nach dem Ableben meines letzten Onkels gelangte es in meinem Besitz. Nun ist niemand mehr da, der mir n?here Auskunft geben kann. Dennoch ist anzunehmen, dass f?r unsere Familie diese Geburtstagsfeier in Wargienen der Lebensretter gewesen sein k?nnte,  ganz gleich, ob es nun der 26. oder der 29. August 1944 war. Auf jeden Fall war es der Tag,  an dem britische Bomber die Stadt K?nigsberg mit Brandbomben vernichteten. Der ganze Nachthimmel muss damals feuerrot gewesen sein. Weithin sichtbar, wenn man auf einer Anh?he stand wie hier im 30 Kilometer entfernten Wargienen. 
Nach Wargienen hatte eine Schwester meiner Mutter in den Gutshof Meier geheiratet. So fuhren wir wohl sehr oft aufs Land, wie die St?dter zu sagen pflegen. F?r uns K?nigsberger muss Wargienen am Pregel immer ein Ort der Erholung gewesen sein und bestimmt bin ich dort zum ersten Mal in meinem Leben den ganzen Tag mit heller Freude barfuss gelaufen.
Unser Dolmetscher spricht mit den Leuten, fragt nach dem Gutshaus. „Das gro?e Herrenhaus“, so sagen uns die Bewohner aus dem ehemaligen Schulgeb?ude, „das war gegen?ber der Schule und dort, ganz oben auf dem Berg, wo es nach Kaliningrad geht, da stand noch bis vor kurzem der Schweinestall.“ Ganz gegenw?rtig ist mir jetzt auf einmal jede Einzelheit aus den Erz?hlungen meiner Gro?eltern. Meine Emotionen schlagen um, verwandeln sich in Melancholie, die ich meinen Freunden nicht verbergen kann. Ich will es auch nicht. Dann bitte ich sie, mit mir auf diesen Berg zu gehen, von dem man sicherlich weit ins Land blicken kann. War es der gleiche Weg meiner Gro?eltern in jener Augustnacht des Jahres 1944, als sie von dieser H?he K?nigsberg haben brennen sehen? Wom?glich. Oben angekommen, folgen unsere Blicke der Landstra?e in Richtung Kaliningrad / K?nigsberg.
Tief bewegt stehen wir als Landsleute zweier Nationalit?ten an diesem Ort, vereint in einer Schweigeminute, zu der uns niemand aufgefordert hat.

Wolfram NEUFELDT

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, 02. November 2010 um 10:13 Uhr
 

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