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Am 22. Juli bekam eine der kleinsten St?dte im Kaliningrader Gebiet – Primorsk (ehem. Fischhausen), nach vielen Jahren ihre historische Heraldik zur?ck: das Wappen und die Flagge. Die zur?ckgekehrte historische Symbolik ist sehr wichtig, doch nicht weniger wichtig ist, dass sie sogar „historischer“ ist als die, die seit dem Anfang des XX. Jahrhunderts angewendet wurde. Die Wiederkehr des Wappens und der Flagge verdankt Primorsk/Fischhausen nicht nur dem lokalen Abgeordneten-Rat, sondern auch dem Kaliningrader Heraldiker Grigorij Lehrman. Das ist auch f?r die meisten St?dte im Kaliningrader Gebiet zutreffend, welche heutzutage durch die Geschichte belegte und von ostpreu?ischer Abstammung gezeichnete Wappen haben. 23 Wappen vom G. Lehrman sind bisher in das heraldische Register Russlands aufgenommen worden. Das Primorsker Wappen wird zweifellos schon sehr bald zum 24. Wappen in dieser Liste werden. Heute lebt Grigorij Lehrman in Leipzig, kommt jedoch regelm??ig nach Kaliningrad, wo er unerm?dlich seine T?tigkeit zur R?ckgabe einer urspr?nglichen Symbolik an die Ortschaften der Region weiterf?hrt. Auf unsere Bitte hat er nachfolgenden Bericht ?ber seine Arbeit am Wappen von Primorsk/Fischhausen vorbereitet. Insgesamt dauerte die Arbeit am Wappen von Primorsk/Fischhausen ein Jahr. Wom?glich erscheint jemandem diese Frist als eine lange Zeit, insbesondere wenn man bedenkt, dass Elemente vom schon vorhandenen, historischen Wappen benutzt wurden. Ihre Nutzung selbst passt zum Geist der neuen russischen Heraldik, welche traditionelle, alte Wappen allen anderen vorzieht. Und dennoch ist es kein einfaches Unterfangen, weil es eine penible Vorbereitung und ausgereifte, begr?ndete L?sungen ben?tigt. Es muss gesagt werden, dass historische Wappen eine viel gr??ere Aufmerksamkeit und dementsprechend einen gr??eren Zeitaufwand erfordern. Die Herkunft der Symbolik ostpreu?ischer Wappen aus den XIV. bis XV. Jahrhundert zum Beispiel, ist in der Regel in Vergessenheit geraten. Und eine begleitende Dokumentation dazu gab es gar nicht erst. Auch die Vermischung von deutscher und preu?ischer Sprache soll nicht vergessen werden. Und neben all dem ist es auch notwendig, den heutigen B?rgern der St?dte und Siedlungen im Kaliningrader Gebiet sowie den heraldischen Beh?rden eine wahrhaftige Erkl?rung eines Wappens und seiner positiven Symbolik zu geben und gleichzeitig mit viel Geduld negative Vorurteile zu beseitigen, die zu sowjetischen Zeiten entstanden sind. Deswegen f?hre ich eine intensive Forschungst?tigkeit, bei der ich neue, fr?her unbekannte oder weniger bekannte historische und linguistische Daten nutze, einschlie?lich der ?bersetzungen von preu?ischen Orts- und Naturobjektbezeichnungen, die eine erhebliche Auswirkung auf die Wappenentwicklung im XIV. bis XV. Jahrhundert hatten. Kein Wappen kann richtig gezeichnet werden, bevor es nicht entr?tselt ist. Um jedoch die L?sung des R?tsels eines Wappens finden zu k?nnen, m?ssen zuerst St?ck f?r St?ck viele Informationen gesammelt werden. Bei der Arbeit am Primorsker/Fischhausener Wappen war ich auf 50 Informationsquellen angewiesen. Erste schriftliche Hinweise zu einer deutschen Siedlung namens Sch?newick gibt es in einer Urkunde von 1268. Im Jahre 1299 bekam die Siedlung urkundlich Stadtrechte, die im Jahre 1305 noch einmal best?tigt wurden. Doch schon im XIV. Jahrhundert taucht der Name Bischofeshusen auf, welcher im XV. Jahrhundert aber schon zu Fischhausen verk?rzt wurde. Die Grundlage des Wappens hat ihren Ursprung in der Bischofsw?rde des Samlandes, gegr?ndet im Jahre 1243. Zum Zentrum wurde Sch?newick: „Ein Stab und ein Schwert gekreuzt auf einem wei?en Feld“. Ich konnte eine genaue Datierung vom Stempel der Bischofsw?rde feststellen, von der diese Symbolik abstammt; es ist das Jahr 1344. Die Farben stammen von der Flagge mit einer identischen Abbildung, unter welcher die Krieger von der Bischofsw?rde auf dem Gr?nw?lder Feld im Jahre 1410 gek?mpft haben. Was Fischhausen betrifft, so taucht sein Wappen am Ende des XVI. Jahrhunderts ohne jegliche Begleiturkunden auf. Dabei f?ngt die Geschichte dieses Wappens viel fr?her an, n?mlich im Jahre 997, als der Heilige Adalbert die Samlandk?ste betrat und etwas sp?ter in der Stadtgegend von preu?ischen Heiden ermordet wurde. In der Heraldik und Kirchenkunst sind als Symbole vom Heiligen Adalbert ein Bischofstab, ein Palmenzweig des Friedens, ein Ruder und ein Schild mit dem Rosen-Abbild zu sehen. Ausgerechnet der Stab und die Rose wurden zu Bestandteilen des Fischhausener Wappens. Das Schwert ist eine Erinnerung an den K?nig Otakar, der in einem Kreuzzug nach Preu?en kam. Mit gr??ter Wahrscheinlichkeit ereignete sich sein erster Angriff im Jahre 1255 nicht zuf?llig am Ufer der Bucht, wo der Heilige Adalbert ermordet wurde. Bei diesem Zug wurde auch der verg?tterte Hein der Heiden ausgerottet. Somit symbolisiert der Stab eine Christenpredigt, eine Andacht an den Heiligen Adalbert und an die Bischofsresidenz zugleich. Das Schwert ist dabei Wort Gottes und Andenken an den K?nig Otakar und die Ordens-Zeit. Der mit dem Schwert ?berkreuzte Stab symbolisiert Epiphanias und den Kampf f?r den Glauben. Die roten und wei?en Farben stehen f?r Heiligkeit und Blut des Heiligen Adalbert. Au?erdem ist es nicht ausgeschlossen, dass der rot-wei?e Wappenhintergrund von den Farben Tschechiens abstammt; aus diesem Land kam n?mlich sowohl der Heilige Adalbert als auch der K?nig Otakar. M?glich ist ebenfalls, dass diese Farben dem Wappen von Stralsund entliehen wurden, da die ersten Siedler von Sch?newick urspr?nglich aus dieser Stadt kamen. Der Fisch im Stadtwappen spricht vom Fischereibetrieb in der Bucht, an der die Stadt liegt. Die azurblaue Fischfarbe symbolisiert die See und ihre Reicht?mer. Das Wappen soll zwei Zwecke erf?llen: Geographie und Geschichte einer Ortschaft wiederspiegeln und dabei (an)sprechend sein. Diese Sprachregel hat es in der Heraldik schon immer gegeben und sie hat ihre Aktualit?t bis heute nicht verloren. Das Wappen von Primorsk/Fischhausen ist ein sprechendes Beispiel daf?r. Alle Namen und Hypostasen dieser Stadt sind in ihrem Wappen vertreten: Stab und Schwert: Bischofeshusen, blauer Fisch: reicher Fischbestand und seenahe Lage von Fischhausen wie auch sein heutiger Name Primorsk... Bei der Arbeit an diesem Wappen hat sich herausgestellt, dass die Farben im historischen Wappen am Ende des XIX. Jahrhunderts vom Heraldiker Otto Hupp ver?ndert wurden. Aus einem silbernen Wappenfeld wurde ein blaues und der rote Stab und das Schwert wurden golden bzw. silbern mit goldenem Griff. Der azurblaue Fisch wurde zum einem silbernen umgewandelt. Dieses „blau-gelbe“ Wappen hat keine historische Begr?ndung. Aus diesem Grund war die Wiederherstellung der urspr?nglichen Farben, welche die originelle Botschaft der heraldischen Symbolik wiedergeben, zu einer wichtigsten Mission bei dieser Aufgabe geworden. Au?erdem hat sich herausgestellt, dass es nie konkretisiert wurde, welche Fischart das Stadtwappen schm?ckt. Geht man von der gegenw?rtigen Lage aus, so ist der baltische Hering „Salaka“ der wahre Reichtum in dieser Bucht. Das ist der Grund, warum dieser Fisch auf dem heutigen Primorsker Wappen abgebildet ist. Wir befanden aber auch die Erhaltung eines zu einer Papierbotschaft gerollten ?hnlichen Wappenschildes aus der Sp?trenaissance f?r notwendig. Und jetzt, nachdem das Wappen von Primorsk/Fischhausen offiziell anerkannt wurde, wird auch die Logik des Farbspektrums aller St?dte des Samlandes klar. Die wei?-roten Farben nehmen ihren Anfang genau hier, n?mlich in Fischhausen als Zentrum der Bischofsw?rde des Samlandes und erstem Verwaltungszentrum der Halbinsel Samland.
Grigorij LEHRMANN, ehrenmitglied der Gesamtrussi-schen Heraldik-Gesellschaft
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