|
Array
Der Name vom Regisseur Evgenij Marcelli gilt in der Theaterwelt als eine erfolgreiche Koryph?e. Vielen B?rgern Kaliningrads imponiert es sehr, dass diese Koryph?e ausgerechnet auf dem hiesigen Boden „gewachsen“ ist, n?mlich im Tilsit-Theater. Im Laufe der Zeit gab es renommierte Theater-Auszeichnungen in Russland und Preise auf internationalen Festivals sowie Auff?hrungen in f?hrenden Moskauer und europ?ischen Theatern. Er bekleidete die Stelle des Chefregisseurs im Kaliningrader Dramatheater und arbeitete im Omsker Akademischen Theater. Einladungen zur Arbeit in gleicher Position nahm er in ber?hmten Theatern Moskaus und Sankt Petersburg an. Doch heute ist Evgenij Marcelli wieder in Kaliningrad. Nicht nur als Regisseur, sondern auch als k?nstlerischer Leiter des Kaliningrader Dramatheaters, eines Theaters in einer Provinzstadt. Marcelli selbst f?hlt sich dadurch nicht gest?rt. Eher umgekehrt: seine ?ffentlichen Auftritte sind ein Loblied auf die Provinz, getragen von der Harmonie der Lebenstraditionen und der Freiheit des kreativen k?nstlerischen Ausdrucks. Von dieser Freiheit braucht Marcelli unendlich viel. Nicht umsonst nennen ihn einige Theaterkritiker den „K?nig der russischen Avantgarde“. Und in dieser Freiheit hebt er auch die Stimmung im Saal. Wie er selbst sagte, erh?lt man das Vergn?gen, eine emotionale Aufregung zu empfinden. Ist da etwa Provokation oder Emp?rung im Spiel? Zweifellos. „Das Theater soll emp?ren, die ?ffentliche Meinung, den Geschmack – so ist das Kredo des Regisseurs. Und das bei der st?ndigen Auswahl von Klassik-Werken f?r die Auff?hrungen; von Shakespeare und Ostrowski bis Tschechow und Sudermann! Wir sitzen im gro?en und deshalb etwas leer wirkenden B?ro des k?nstlerischen Leiters und reden ?ber Theater als Kunst: – Evgenij, Sie heben den theatralischen Provinzialismus hervor. Wie kann denn ein provinziales Theater die Aufmerksamkeit eines unprovinzialen Publikums wecken? – Daf?r gibt es nur ein Mittel: hochqualitative Auff?hrungen. Wenn diese dem Zeitgeist entsprechen, ?sthetisch, sowie formal und inhaltlich interessant sind – dann wird es immer und f?r alle Zuschauer interessant sein. – Immer lassen sich Kenner der Theater-?sthetik finden, doch es gibt nicht viele davon. F?hrt Ihrer Meinung nach das Streben zur Popularit?t zur Wertminderung von Theaterauff?hrungen als Kunstakt? – Bedauerlicherweise ja. Und darin besteht auch die gr??te Schwierigkeit. Die Wirtschaftlichkeit eines Theaters als ?konomische Notwendigkeit muss beibehalten bleiben, aber dabei darf einerseits nicht das Gef?hl f?r Kunst verloren gehen und andererseits darf die Kunst nicht bis zum Niveau eines anspruchlosen Publikums hinabrutschen. Wir suchen st?ndig nach dieser „goldenen Mitte“. Ab und zu passiert das. – Gibt es heutzutage das russische Theater als Kulturerscheinung? – Noch gibt es das. Ich denke mal, als eine Resterscheinung... Der Pragmatismus des westlichen Theaters zeigt seine Wirkung. In Russland arbeiten seit sowjetischen Zeiten Hunderte von Repertoire-Theatern mit festen Besetzungen, die t?glich verschiedenste Auff?hrungen w?hrend der ganzen Saison geben und dabei vom Staat unterst?tzt werden. Von solchen Theatern gibt es in Europa oder in den USA nicht viele. In Deutschland zum Beispiel lediglich 5 oder 6. Das l?uft eher nach der Tradition und nach dem Tr?gheitsgesetz. Und die Tr?gheit hat eine Eigenschaft, zunichte zu werden... – Wie schwierig ist es, eine wohlwollende Aufmerksamkeit von einem fremdsprachigen Publikum zu gewinnen? – Technisch gesehen ist eine Text?bersetzung kein Problem: Kopfh?rer, Laufzeile... Die Schwierigkeit ist nicht eine andere Sprache, sondern eine andere Mentalit?t und das Wertsystem. Ein klassisches Beispiel daf?r ist „Aschenputtel“, das von Amerikanern nicht richtig wahrgenommen wurde. Sie empfanden die Ideale der negativen Heldin dieses M?rchens, der Stiefmutter, als ganz normal, obwohl sie ihre T?chter zum Streben nach Reichtum und Erfolg um jeden Preis erzog. Andererseits waren wir mit dem Tilsiter und Omsker Theater viel unterwegs zu verschiedenen russischen und europ?ischen Festivals und hatten keine nennenswerte Wahrnehmungsprobleme im Publikum feststellen k?nnen. Hauptsache ist, dass das Schauspiel ein hohes k?nstlerisches Niveau hat. Und hier ist schon alles sehr irrational. Ein ber?hmter Regisseur mit all seinen finanziellen Ressourcen erleidet ein Fiasko und eine niedrig budgetierte Arbeit eines Anf?ngers wird pl?tzlich zum theatralischen Ereignis. Das ist die Unvorhersagbarkeit in der Kunst! – Beim Reden ?ber junge Regisseure darf man keinesfalls die neue Arbeitsform vergessen zu erw?hnen, welche Sie mit ihnen und um sie herum im Kaliningrader Theater organisieren... – Ja, das war meine Idee. Im vorigen Jahr begann sie sich als Projekt „Labor der modernen Regie“ zu realisieren, worauf ich richtig stolz bin. Unser Theater l?dt Absolventen von theatralischen Regief?chern der russischen Fachschulen ein. Im vergangenen Jahr kamen 8 Personen. Sie f?hren sogenannte Anmeldungen auf – etwa im Sinne eines Filmtrailers. Ich muss sagen, das wir drei von diesen acht Anmeldungen in unser Repertoire aufnehmen werden. F?r einen jungen Regisseur ist das eine au?erordentlich wichtige Gelegenheit, sich selbst zu zeigen und eigene M?glichkeiten richtig einzusch?tzen. Wenn mir jemand zu meiner Zeit eine solche Gelegenheit angeboten h?tte, w?re ich dar?ber unsagbar gl?cklich gewesen. Und f?r das Theater ist es eine wunderbare Methode, um neue, interessante Regisseure f?r eine sp?tere Zusammenarbeit zu finden. Au?erdem hat unser Projekt gro?e Aufmerksamkeit beim theaternahen Publikum in Kaliningrad geweckt wie beispielsweise bei Studenten, Universit?ts-Professoren und bei Schauspielern und Regisseuren aus dem Amateur-Theater. Aus meiner Sicht, k?nnte sich um das Projekt ein guter Theater-Club bilden. – Ist dieses Projekt nur f?r russische junge Regisseure vorgesehen? – Im Idealfall m?chten wir es nat?rlich sehr, dass alle jungen Regisseure aus verschiedenen Schulen eingeladen werden. Leider scheiterten bis jetzt unsere gute W?nsche an der Finanzierung. Bei g?nstigen Bedin- gungen f?r die weitere Entwicklung sind wir sogar verpflichtet, auf das internationale Niveau zu steigen. Um so mehr deshalb, weil unsere Nachbarn wie Polen, Litauen, Deutschland und Schweden alles L?nder mit sehr interessanten Regietendenzen und Schulen sind. – Sie haben in Sowjetsk als auch in Kaliningrad in Geb?uden gearbeitet, welche in der Vergangenheit deutsche Theater waren. Hat diese Tatsache und das Denkmal des gro?en deutschen Dramatikers Friedrich Schiller, das gegen?ber dem Kaliningrader Dramatheater steht, Ihr Selbstgef?hl als Regisseur beeinflu?t und gesteuert? – Ja. Hier f?hle ich mich in einer ganz besonderen Situation: nicht wie auf dem Terrain eines anderen Staates, sondern in einer anderen Lebensweise und mit einer anderen Weltsicht. Das geschieht bewusst, wie auch unbewusst. In allem hier f?hlt man die grandiose und mehrdeutige europ?ische Geschichte dieses Landes. Wom?glich genau aus diesem Grund f?hle ich mich hier nicht wie sonst wo, sondern wie in Europa, also absolut nicht begrenzt durch einen nationalen Rahmen, sondern als Weltmensch. – Hat deutsches Publikum eine M?glichkeit, Auff?hrungen Ihres Theaters auch mal in Deutschland zu erleben? – Ich w?nsche mir sehr, dass es eine solche M?glichkeit g?be. Aber in der heutigen Krisenzeit haben wir keine finanzielle Basis f?r ausl?ndische Tourneen. Es gibt jedoch eine ganze Kette von Theaterfestivals. In Deutschland zum Beispiel l?uft eine riesige Anzahl solcher Veranstaltungen. Diese Festivals k?nnen wir nat?rlich besuchen. Darum werden wir uns bem?hen. Das braucht in erster Linie das Theater selbst, denn im geschlossenen Raum begreift man nicht mehr, was und wie etwas gemacht wird. Was die Zuschauer angeht, so ist es f?r sie unglaublich aufregend, verschiedene Theater zu sehen. Meine Erfahrung aus der Festivaltournee mit dem Tilsit-Theater sagt mir eindeutig: das russische Theater ist sehr interessant f?r deutsches Publikum, weil dieses nach meiner Meinung in seinen besten Erscheinungen nicht seinesgleichen hat. Ich denke, das Kaliningrader Theater wird das noch mehrmals best?tigen. Marina Belowa Foto: Gennady Filippovich
|